Die Expedition nach Ägypten – Teil 1

22. Mai 1810, London

London ist unerträglich! Ich hätte niemals herkommen sollen. Ich hätte zu Hause bleiben können, hätte ausreiten und die Ruhe und den Frieden auf dem Land genießen können. Stattdessen bin ich hier, wo mir ständig diese unerträgliche Thane über den Weg läuft. Mrs. Anna M. Thane. Wofür steht das “M.” überhaupt?

Gestern Abend auf einem Ball suchte ich jemandem zum Kartenspielen. Ich verstehe ja, dass die jungen Leute mit Tanzen beschäftigt sind und die Damen bei Laune halten wollen. Aber was machte der Rest? Eine Gruppe, fast nur Herren, stand in der Lobby und schien einer Art Rede zu lauschen.

Wenn man niemanden mehr zum Kartenspielen findet, weiß man, dass es mit England bergab geht. Unvorsichtigerweise näherte ich mich der Gruppe, um herauszufinden, was da los war, und erkannte bald diese Thane. Sie verkündete ihre neusten Pläne für eine Expedition nach Ägypten. Ägypten! So wie Napoleon! Vor einer staunenden Gruppe schwadronierte sie über Pyramiden, Pharaonen und Sarkophage. Was für ein Unsinn. Hitze, sage ich dazu, und Sand. Sehr viel Sand.

Ich ging zurück in den Ballsaal und schaffte es, einen Drink zu bekommen. Einen ordentlichen Drink – nicht diese Limonade, die sie auf den Tabletts herumtragen. Plötzlich hörte ich jemanden “Charles!” rufen und sah, wie sie auf mich zukam.

Warum spricht sie mich immer mit meinem Vornamen an? Das erste Mal war vor einigen Jahren, auch auf einem Ball. Da war es das gleiche. Sie kam zu mir herüber, nannte mich Charles und fragte, wie es mir gehe. Ich hatte diese Frau noch nie zuvor in meinem Leben gesehen! Seitdem begrüßt sie mich jedes Mal, wenn ich das Pech habe, auf der gleichen Veranstaltung zu sein wie A.M.T., und ergeht sich endlos in Beschreibungen ihrer geographischen Unternehmungen. Letztes Mal war es der Amazonas oder die Anden – jedenfalls irgendein gottverlassener Ort, der bis vor ein paar Jahrhunderten nicht einmal auf den Karten verzeichnet war. Aber Mrs. Thane tut, als wäre sie die von Seiner Königlichen Hoheit dem Prinzregenten offiziell berufene Forschungsreisende.

Gestern war es also wieder ein neues Ziel.

“Ich frage mich, ob Sie Interesse an meinen Plänen für eine Ägyptenreise haben könnten”, erklärte sie.

“Ich habe sehr großes Interesse an Ihren Plänen, Ma‘am. Je mehr ich darüber weiß, desto leichter wird es für mich, nicht in sie hineingezogen zu werden.”

Sie blieb unbeirrt. “Die Reise hat einen archäologischen Fokus. Sie hätten möglicherweise Anteil an einigen erstaunlichen Entdeckungen.”

“Wenn es für diese Entdeckungen erforderlich ist, in der Erde herumzugraben, nehmen Sie besser meinen Gärtner mit.”

Ja, rückblickend denke ich fast, dass ich das hätte freundlicher formulieren können, aber diese Frau ist so unfassbar aufdringlich.

“Lehnen Sie Reisen grundsätzlich ab oder nur meine Reisepläne?”, fragte sie.

“Ich lehne es ab zu reisen, wenn es unnötig ist.”

“Wie können Sie die Erforschung untergegangener Hochkulturen unnötig nennen? Auch wenn wir keinen bisher unbekannten Tempel des Mittleren Königreichs entdecken sollten – ich bin allerdings zuversichtlich, dass uns dies gelingen wird – glauben Sie nicht, dass eine Begegnung mit einer fremden Zivilisation in Ägypten eine persönliche Bereicherung für Sie wäre?”

“Ich glaube, dass die Zusammentreffen, die ich hier in London habe, befremdlich genug sind.”

“Wie Sie meinen”, sagte sie steif, doch fügte hinzu: “Lassen Sie es mich wissen, wenn Sie Ihre Meinung ändern.”

Und sie lässt niemals locker.